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Jetzt oder morgen

Lisa Weber | AT 2020 | 90 min

Kinostart: tba

»Wenn sich keiner für mich interessiert, warum soll ich mich dann für irgendwas interessieren?« 

Regisseurin Lisa Weber (Sitzfleisch) hat eine Wiener Familie über drei Jahre lang begleitet. Hautnah. Eine Nähe, die gleichermaßen berührt wie schockiert. Die 19-jährige Alleinerzieherin Claudia, ihr Bruder und ihre Mutter haben alle keinen Job, doch was ihnen wirklich fehlt, ist eine Perspektive. Seit seiner Weltpremiere im Panorama der Berlinale 2020 wurde JETZT ODER MORGEN mehrfach ausgezeichnet.  

Claudia ist mit 14 schwanger geworden, ihr Sohn Daniel war lange die Ausrede, wieso sie nie die Schule abgeschlossen hat, wieso sie sich nie einen Job gesucht hat. Mittlerweile besucht Daniel den Kindergarten und Claudia muss nicht mehr ständig auf ihn aufpassen. Sie könnte endlich ihren Schulabschluss nachholen, könnte sich endlich einen Job suchen. Stattdessen tut sie nichts, es wirkt fast so als würde sie auf etwas warten. Aber worauf?

Gemeinsam mit Daniel, ihrer Mutter Gabi und ihrem Bruder Gerhard lebt sie in einer Gemeindebauwohnung in Wien Simmering. Gabi und Gerhard haben ebenfalls keinen Job, alle beziehen Sozial- und Notstandshilfe. Dass ihr Leben großteils zuhause auf engstem Raum stattfindet, führt manchmal zu Streit, stärkt aber auch den Familienzusammenhalt. Man sieht gemeinsam fern, man dreht Zigaretten, man raucht Zigaretten. Man macht sich gegenseitig die Haare, man döst, man schläft, man feiert Geburtstag. Und manchmal fährt Gerhard stundenlang am Simulator LKW. »So viel Zeit und kein Leben« , sagt er dann und grinst verschmitzt.

Was bleibt, wenn Arbeitslosigkeit und soziale Herkunft die Hoffnungen auf eine andere Zukunft verstellen? In der immer wieder aus dem Off erklingenden Ballade »When You Believe«  von Whitney Houston und Mariah Carey, finden diese Wünsche und Sehnsüchte ihren Ausdruck. Diese Momente sprechen von Liebe und Zusammenhalt da, wo Perspektivlosigkeit vorzuherrschen scheint.

JETZT ODER MORGEN ist ein Film übers Leben und übers Warten darauf. Über Luftschlösser, Lethargie und Langeweile. Abseits der üblichen Reality-TV-Klischees spürt Lisa Weber dem nach, was passiert, wenn scheinbar nichts passiert. Und findet Menschen, die einen rühren, zum Lachen bringen und schockieren. Und die einem in den 90 Minuten ans Herz wachsen. »Bei allen Defiziten, die es in der Familie gibt, gibt es andere Dinge, die wiederum sehr gut funktionieren«, so die Regisseurin: »Liebe.«

 

Duisburger Filmwoche: „Carte Blanche“ – Nachwuchspreis des Landes NRW

One World Filmclubs Award 2020

Berlinale Panorama 2020

Viennale 2020

»Eine kostbare Perle bei dieser Viennale. Dieser Film ist Anti-TV. Seine Sensation entsteht durch die Sensationslosigkeit… So machtvoll kann „Reality-TV“ (oder eben „Reality-Kino“) sein – und so wertschätzend.« ORF

»Lisa Weber legt ihre dokumentarische Familienstudie radikal unspektakulär an, mit exzellentem Blick für Zwischentöne und schwelende Konflikte.« Profil

»Der Film lebt von einer irren Intimität….Das Tolle daran ist, dass der Film wirklich erzählt, wie die Arbeiterklasse – von der Politik verlassen – auf sich allein gestellt ist und daran scheitert, in eine auf Wettbewerb ausgerichtete Arbeitswelt zurückzukehren…. Ein Film über den fehlenden Glauben an sich selbst und die Schwerkraft der Herkunft. Mitfühlend ohne parteiisch oder manipulativ zu sein. Ein Film der ganz viel davon erzählt, warum Österreich politisch da steht, wo es eben gerade steht.« Dominik Kamalzadeh im STANDARD-Podcast „Filmüberraschung des Jahres“

»In dieser Alltäglichkeit findet sich nicht nur die Trauer unerfüllter Hoffnungen, vielmehr ist das Vergehen der Tage auch durchdrungen von Zärtlichkeit…„In der Erfahrung von im kapitalistischen Sinne unproduktiver Zeit – deren Schrecken und Schönheit – liegt die Stärke von Jetzt oder morgen…« Kino-Zeit

»Aus den zum Teil ornamental anmutenden Bildern dringt dennoch eine ganze Menge: große Emotionalität, Herzlich- und Ratlosigkeit, Mariah Carey und Whitney Houston.« Diagonale

»An manchen Tagen betraten Weber und ihr Team die Wohnung und bauten ihr Equipment auf, während die Familie noch schlief. Das sind die intimsten Momente des Films. Einmal ist zu sehen, wie Claudia und ihr Sohn sich an den Händen halten, während sie schlafen, die Gesichter der beiden sind einander zugewandt. Zusammen träumen, bevor alles von vorn beginnt, Kippenfrühstück, Kita, schmusen. Die tägliche Frage, ob es für immer so weitergeht, das schmerzliche Gefühl: Wenn ich nicht relevant bin fürs System, dann ist das System vielleicht nicht relevant für mich.« Der Spiegel

»Schonungslos, weil nah am Alltag der Protagonisten und doch fürsorglich, erzeugt der Film Mitgefühl statt Mitleid und stellt die Familie nicht bloß. Trotzdem erreicht uns die lähmende Lethargie einer schmerzhaften sozialen Realität, in der die Zeit spurlos verrinnt – nur die Geburtstagspartys markieren, wie die Jahre vergehen. Hierbei gelingt es dem Film auf eindrückliche Weise, die Statik von Sozialdynamiken abzubilden.« Jurybegründung Duisburger Filmwoche

»Der Film zeigt, wie es vielen ÖsterreicherInnen geht, welche nicht die optimalsten Startbedingungen im Leben hatten. Er spiegelt auch das Leben von vielen Teeniemüttern wider, ist berührend, unterhaltsam, sehr ehrlich und manchmal humorvoll. Die Nähe der Regisseurin zu ihren ProtagonistInnen, sowie Kamera und Schnitt haben bewirkt, dass man sich noch mehr „dabei“ fühlt. Der Film gibt einen realistischen Einblick auf ein sehr gegenwärtiges Thema, das auch Jugendliche und junge Erwachsene anspricht. Armut und Arbeitslosigkeit können nun mal jeden treffen.« Jurybegründung ONE WORLD FILMCLUBS AWARD 2020